Trotzdem begann etwas Gestalt anzunehmen. Langsam wuchs die Zahl der Pensionen und kleinen Hotels zwischen den niedrigen Häusern und den sandigen Straßen. Was zuvor Privathäuser mit einem zusätzlichen Zimmer gewesen waren, wurden zu richtigen Herbergen. Die Gäste kamen wegen des Lichts, der klaren Luft und der Stille – und des Gefühls, bis ans Ende des Landes gelangt zu sein.
Mit den Jahren wurden die Aufenthalte länger. Man reiste nicht mehr nur für ein paar Tage nach Skagen, sondern wochenlang. Die Tage bekamen ihren eigenen Rhythmus: Morgendliche Spaziergänge am Strand, Schwimmen im kalten Meer, Wanderungen durch die Dünen und lange Abende in Gesellschaft anderer Sommergäste. Kleine Gemeinschaften bildeten sich, Wiedererkennungen von Jahr zu Jahr, feste Plätze an den Tischen und die gleichen Gesichter jede Saison. Das Ferienleben wurde fast zu einer Tradition für sich.
In der Zwischenkriegszeit erwarb sich Skagen endgültig den Ruf eines mondänen Ferienortes. Es war ein Ort, an den man fuhr, um gesehen zu werden. Damen in hellen Sommerkleidern und Herren mit Stock spazierten durch die Stadt, während die Fischerboote wie immer noch auf den Strand gezogen wurden. Zwei Welten lebten nebeneinander – die einfache und die vornehme – und gerade die Begegnung zwischen ihnen verlieh dem Ort seinen besonderen Charakter.
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich das Leben in Dänemark, und damit auch der Urlaub. Mehr Menschen hatten Anspruch auf Urlaub, mehr konnten sich eine Reise leisten, und Skagen war nicht mehr nur ein Sommeraufenthaltsort für wenige. Familien, Paare und Kinderscharen fanden mit Koffern und Picknickkörben den Weg nach Norden. Die Aufenthalte wurden kürzer, aber die Gäste mehr. Die Stimmung wurde lebhafter und weniger feierlich.
In den 1960er- und 70er-Jahren kamen die Autos wirklich. Der Weg nach Skagen fühlte sich nicht mehr lang und beschwerlich an, sondern offen und möglich. Sommerhäuschen sprossen in der Landschaft empor, und die Ferien verlagerten sich zwischen Strandhafer und Kiefern. Der Tourismus breitete sich von den Hotels in den Dünen aus, und die Stadt summte auf neue Weise vor Leben.
Immerhin war etwas erkennbar geblieben.
Das Licht über dem Meer. Der Wind aus Norden. Und die besondere Ruhe, die sich einstellt, wenn man am Ufer steht und auf den Horizont blickt, so wie es so viele vor einem getan haben.